Kohleausstieg: Allianz handelt, Munich Re zieht nach, Hannover Rück bleibt stur

Text: Max Harder, Stand: Februar 2019
Kohlekraftwerk Belchatow in Polen
Das Kohlekraftwerk Belchatow des Betreibers PGE in Polen (Foto: Greenpeace Polen)

 

Kein Kohlekraftwerk könnte ohne umfangreiche Versicherungspakete und ohne Investitionen gebaut werden. Versicherer wie die Allianz, Munich Re oder Hannover Rück stehen deshalb an einer Schlüsselstelle für den Kohleausstieg. Sie entscheiden mit über den Klimaschutz, der für uns, unsere Kinder und alle künftigen Generationen zwingend ist. Wenn sie Kohlefirmen von Versicherungen und Investitionen ausschließen, dann trifft das diese klima- und gesundheitsschädliche Industrie direkt. Aus diesem Grund fordert urgewald seit Langem die Versicherung von Kohle zu stoppen und deren Finanzierung einzustellen. Unsere Kampagne zusammen mit zahlreichen Partnerorganisationen weltweit hat im Jahr 2018 große Erfolge für mehr Klimaschutz erreicht – doch es bleibt noch viel zu tun.

Erste Versicherer trennen sich von der Kohle

Allianz:

Der Münchener Konzern ist einer der größten Versicherer der Welt und gehörte bis vor Kurzem auch zu den wichtigsten Versicherern der Kohleindustrie. Dass sich das inzwischen geändert hat, dahinter stecken die jahrelangen Kampagnen von urgewald und unseren Partnergruppen.

Schon im Jahr 2015 reduzierte die Allianz als erster großer Versicherer seine Kohle-Investitionen nach öffentlichem Druck von urgewald. Sie schloss Kohlefirmen von Investitionen aus, die mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes oder ihrer Stromproduktion mit Kohle machen. Das Problem: Viele große Kohlekonzerne sind davon bis heute nicht betroffen, zum Beispiel jene, in die Allianz im Auftrag für externe Kunden investiert. Das Versicherungsgeschäft mit Kohlekunden schränkte die Allianz damals überhaupt nicht ein.

Das änderte sich im Mai 2018: Im Zuge einer internationalen Kampagne und nach Gesprächen mit urgewald sagte der Konzern zu, die Investitionen in Kohle weiter einzuschränken und künftig auch keine Projekte für Kohlekraftwerke und Kohleminen mehr zu versichern. Die Allianz hat außerdem angekündigt, bis 2040 gänzlich aus dem Geschäft mit Kohle auszusteigen – was zwar eindeutig zu lange dauert, allerdings die erste Ankündigung dieser Art eines Versicherers ist. Trotz einiger Lücken ist die Kohle-Richtlinie damit ein weitreichender Schritt für mehr Klimaschutz in der Versicherungsbranche.

Wir verzichten darauf, Kohleprojekte neu zu versichern. ... Es ist uns bewusst, dass davon Menschen betroffen sind, die noch heute in der Kohleindustrie arbeiten. Das macht diesen Schritt schwerer, aber er ist jetzt unbedingt notwendig und erforderlich, wenn wir den Klimawandel und die Folgen für unseren Planeten und für unsere Kinder endlich eindämmen wollen.

Allianz-Chef Oliver Bäte auf der Hauptversammlung 2018

Munich Re:

Kritischer als die Allianz beurteilen wir die Haltung der Munich Re, dem zweiten großen Versicherungskonzern mit Sitz in Deutschland und größten Rückversicherer der Welt. Munich Re stellt sich in der Öffentlichkeit gerne auf die Seite des Klimas: Regelmäßig veröffentlicht sie Studien zu den Folgen des Klimawandels – Extremwetter, Hochwasser, Dürren. Zur Wahrheit gehört jedoch auch, dass der Konzern auf das Geschäft mit der Kohle nicht wirklich verzichten will. Immerhin hat er im August 2018 auf die unnachgiebige Kritik und den Vorstoß der Konkurrenz reagiert und gab bekannt: Die Munich Re werde nicht mehr in Aktien und Anleihen von Kohlefirmen investieren, die mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes im Kohlebereich machen. Sie will außerdem Versicherungen für neue Kohleprojekte in Industrieländern beenden. Zufriedenstellend ist das nicht, im Vergleich zur Allianz bleiben viele Schlupflöcher für die Kohle. Noch immer gilt Munich Re damit als starker Unterstützer der Kohleindustrie.

Hannover Rück:

Die Haltung des niedersächsischen Rückversicherers Hannover Rück, Nummer 4 in der Branche weltweit, ist enttäuschend. Ungeachtet der Klimakrise sieht die mehrheitlich zum Talanx-Konzern gehörige Aktiengesellschaft keinen Handlungsbedarf. Rückversicherungen für die klimaschädlichen Projekte der Kohlekonzerne bietet sie noch immer an. Da wirkt selbst die im Juni 2018 verkündete Verpflichtung zum Kohle-Divestment nicht glaubwürdig. Der Konzern will demnach „Werte aus dem Bereich Umwelt“ berücksichtigen und Investitionen in Unternehmen ausschließen, die ihre Umsätze zu 25 Prozent oder mehr mit Kohleförderung und -energieerzeugung machen.

Jede verantwortungsbewusste Regierung sollte ein schnelles Ende der Kohle anstreben. (...) besonders angesichts der rapide sinkenden Kosten sauberer Alternativen.

Leitartikel in der führenden Finanzzeitung „Financial Times“

Aufgedeckt: Schmutzige Kohle-Deals in Polen

Ins Rollen gebracht wurden die Maßnahmen der Versicherer im Februar 2018 durch eine aufsehenerregende Studie des Netzwerks Unfriend Coal mit maßgeblicher Beteiligung von urgewald. Darin enthüllten wir, wie stark europäische Versicherungskonzerne die desaströse Kohle-Expansion in Polen unterstützen. Allianz und Co. machen sich damit mitverantwortlich für die Klimakrise und für vorzeitige Tode von geschätzt 5.830 Menschen in Europa – jedes Jahr.

Etwa 62 zusätzliche Menschenleben jährlich werden allein die zwei neuen Blöcke des größten sich in Ausbau befindlichen Kohlekraftwerks der EU kosten. Die Modernisierung und Erweiterung des Steinkohlekraftwerks in der polnischen Stadt Opole treibt der Staatskonzern PGE voran, sie soll noch 2019 fertiggestellt werden. Abgesichert wird der Bau unter anderem von der Allianz, die trotz ihres geplanten Kohleausstiegs weiterhin die Gruppe der Versicherungsträger für das Megakraftwerk leitet. Nach ihren neuen Regeln muss sie solche Projekte künftig aber ausschließen.

Ein weiterer Versicherer ist neben der italienischen Generali und PZU aus Polen die deutsche Munich Re, die sich ebenfalls für den 34 Millionen Euro schweren Deal und gegen den Klimaschutz entschied. Ihr Chef Joachim Wenning schrieb im August 2018 in einem Gastbeitrag in der FAZ, sein Konzern wolle „im Grundsatz künftig keine neuen Kohlekraftwerke oder -minen in Industrieländern mehr versichern“. Auch wenn der Vertrag in Polen über 2021 hinaus nicht verlängert werden dürfte: Munich Re will Kohleprojekte in Nicht-Industrieländern weiter nahezu ohne Einschränkungen versichern – also gerade in Ländern, die für den allergrößten Teil der neu geplanten Kohlekraftwerke weltweit stehen: Geschäfte, die eine Verschärfung der Klimakrise bewusst in Kauf nehmen.

Versicherer, die polnische Kohle unterstützen, fördern eine Industrie, die Tausende vorzeitige Todesfälle pro Jahr verursacht. Sie stellen sich auf die falsche Seite im Kampf gegen den Klimawandel.

Lucie Pinson, Unfriend Coal Kampagne

Aufgeschreckt: Versicherer fühlen sich ertappt

Die deutschen Medien haben breit über unsere Studie berichtet, zeigte sie doch klar die Klima-Widersprüche bei den hiesigen Versicherern. Tatsächlich schienen die Kohle-Deals den Verantwortlichen in den Konzernzentralen in München sehr unangenehm zu sein. So schrieb das Handelsblatt über die Allianz: „In Unternehmenskreisen heißt es (…), dass man heute nicht mehr glücklich sei über die Verträge mit polnischen Kohlekraftwerksbetreibern. (…) Heute würde man das wohl nicht mehr machen.“

Mit ihrer Kohle-Richtlinie hat die Allianz erste Konsequenzen gezogen, um aus der Versicherung von Kohleprojekten auszusteigen. Unternehmen, die die diese Projekte vorantreiben, kann sie jedoch wie bisher versichern. Immerhin deutet die Allianz an, dass sie von diesen Schritte für einen langfristigen Rückzug aus der Kohle erwartet, darunter vom deutschen Energieversorger RWE.

Die Munich Re-Tochter Ergo ließ in Reaktion auf die Studie verlauten, „sie nehme ‚das Thema sehr ernst‘ und stelle ihre Engagements derzeit infrage.“, so die Tageszeitung taz. Und schließlich kam beim Mutterkonzern die Wende: Munich Re-Konzernchef Wenning sagte zu, auf einen Teil der Versicherungen für Kohleprojekte zu verzichten und mehr Unternehmen als bisher von Investitionen auszuschließen.

Nur halbherzig reagierte die Hannover Rück im Juni 2018. Die Niedersachsen verkündeten, Investitionen in Unternehmen mit einem Kohleanteil von 25 Prozent und mehr zu beenden. Versichern wollen sie die klimaschädliche Branche allerdings nach wie vor. Es scheint, als sei die Hannover Rück schamlos genug, den teilweisen Rückzug der Allianz und Munich Re als Chance für dicke Geschäfte nutzen zu wollen. Das muss allerdings nicht so bleiben, wie die aktuellen Erfolge unserer Kampagne zeigen.

Wirkung hat die Kampagne zudem bei Versicherern aus anderen europäischen Staaten gezeigt. Schwergewichte der Branche wie AXA und SCOR aus Frankreich, die italienische Generali sowie Swiss Re und Zurich aus der Schweiz haben zugesagt ihre Investitionen beziehungsweise die Versicherung von Kohle deutlich einzuschränken.

Es ist höchste Zeit, dass Hannover Rück sich ein Beispiel an der Allianz und Munich Re nimmt und aufhört, letzter Rettungsanker der Kohleindustrie zu sein.

Regine Richter, urgewald

Der Druck lässt nicht nach

Gerade jetzt ist die Chance groß weitere Konzerne zum Handeln zu bewegen. Das Medienecho auf die Studie von urgewald und Unfriend Coal über das „Dirty Business“ der Versicherer hat die Konzerne aufgeschreckt. Auf den Hauptversammlungen von Allianz und Munich Re im Jahr 2018 hat urgewald zusammen mit Partnern aus Polen das Verhalten der Konzerne kritisch zur Sprache gebracht und tausende Protestunterschriften übergeben. Nachdem die Allianz und im geringeren Umfang auch die Munich Re erste Schritte gemacht haben, werden wir unsere Forderungen verschärfen. Zudem werden wir umso stärker bei der Konkurrenz aus Niedersachsen, Hannover Rück, Druck machen für deutlich schärfere Standards und den Stopp von Kohle-Versicherungen. Nicht nur auf ihrer Hauptversammlung stellen wir klar: Wer Kohle unterstützt, verbrennt unsere Zukunft.

Kontakt

    Bild Anprechpartner   Regine Richter

    Regine Richter
    Kampagnen zu öffentlichen Banken
    regine [at] urgewald.org
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