Commerzbank

Nachhaltiger Anspruch, dreckige Realität
  • Mit Krediten in Höhe von 4,2 Mrd. Euro größte deutsche Kreditgeberin der globalen Kohleindustrie in den letzten 2 Jahren
  • Die Finanzierung fossiler Firmen, die Kohle, Öl und Gas weiter ausbauen, ist seit 2016 kontinuierlich gestiegen
  • Rüstungsfirmen wie Airbus, BAE Systems und Rheinmetall, die an kriegführende Staaten liefern oder kontroverse Waffensysteme herstellen, bleiben weiterhin Kunden

 

  1. Die Finanzierung von fossilen Firmen ist nicht mit dem Pariser Klimaziel kompatibel

Die Commerzbank bekennt sich zum Ziel des Pariser Klimaabkommens, „die Erderwärmung auf deutlich unter zwei Grad Celsius zu begrenzen und das 1,5-Grad-Ziel anzustreben.“ Die Bank hat entsprechend die Klimaschutz-Selbstverpflichtung des deutschen Finanzsektors unterschrieben und sich unterschiedlichen Initiativen, unter anderem der Science Based Target Initiative, angeschlossen. Nachhaltigkeit ist ein Kernthema der Commerzbank und dafür strebt sie u.a. an, die CO2- Emissionen ihres Kreditportfolios zu reduzieren.

Doch was helfen die großen Worte, wenn konkrete Schritte der Umsetzung fehlen? Gerade im Kohlebereich ist es mittlerweile so einfach Ausschlusskriterien zu formulieren, die dem Pariser Klimaabkommen Rechnung tragen. Vorbilder-Banken für gute Kohlerichtlinien gibt es vermehrt. Im letzten Jahr haben die französische Crédit Mutuel und UniCredit aus Italien mit klaren Richtlinien vorgemacht, wie ein Paris-kompatibler Kohleausstieg auszusehen hat. Denn laut dem UNEP Production Gap Report 2020 ist klar: Bis 2030 müssen die CO2-Emissionen aus der Kohleverbrennung jährlich um 11% reduziert werden. In Europa, dem Kerngeschäftsfeld der Commerzbank, muss 2030 Schluss mit der Kohleverbrennung sein. Mit der bisherigen Richtlinie der Commerzbank ist das leider nicht zu schaffen.

Im Bereich Öl und Gas hat die Commerzbank noch gar keine Reduktionsziele vorgelegt. Auch hier spricht der UNEP Production Gap Report eine klare Sprache: Der CO2-Ausstoß aller fossiler Ressourcen muss in den kommenden 10 Jahren um 6% jährlich reduziert werden. Und mehr noch: die bisher erschlossenen Reserven nicht nur für Kohle, sondern auch für Öl und Gas, sind bereits ausreichend, um unser verbleibendes CO2-Budget zu überschreiten. Weitere Quellen für fossile Ressourcen zu erschließen ist Irrsinn, wenn die Klimaerwärmung auf 1,5° oder auch nur auf unter 2° begrenzt werden soll. Für Europa lässt sich außerdem nachweisen, dass keine neue Infrastruktur für Gas gebraucht wird. Weder neue Gaskraftwerke noch LNG-Importhäfen sind notwendig, um die Energiewende in Europa zu stemmen. Im Gegenteil: Jeder Ausbau von neuer fossiler Infrastruktur legt einen kohlenstoffintensiven Pfad fest und verlangsamt ein konsequentes Umschwenken von dreckiger Kohle zu sauberen, erneuerbaren Energien. Darum muss die Commerzbank Unternehmen, die den Ausbau fossiler Energien vorantreiben, von ihren Finanzierungen ausschließen. Sich zum Pariser-Klimaziel zu bekennen und gleichzeitig Unternehmen wie z. B. Glencore, BP oder RWE zu finanzieren, die keinen Paris-kompatiblen Ausstiegsplan haben, lässt dieses Bekenntnis unglaubwürdig erscheinen.

 

Größte deutsche Kreditgeberin der globalen Kohleindustrie

Die Commerzbank hat als einzige deutsche Bank schon seit 2016 eine Richtlinie, die Einschränkungen für die Finanzierung von Kohleenergieunternehmen festlegt. Diese ist  jedoch viel zu schwach, um Unternehmen einen Weg raus aus der Kohleabhängigkeit zu weisen. So werden Energieunternehmen, die mehr als 30% Kohle im Energiemix haben, ausgeschlossen. Der große Haken daran ist, dass die Richtlinie bisher nur für Neukund*innen und erst ab Ende 2021 für alle Kund*innen gilt. Bei Unternehmen außerhalb Deutschlands gilt sogar ein großzügiger Schwellenwert von 50%. Bisher konnten also alle Bestandskunden so dreckig bleiben wie sie wollen. Die direkte Finanzierung neuer Kohlekraftwerke schließt die Commerzbank zwar seit 2015 aus. Unternehmen, die neue Kohlekraftwerke bauen, können jedoch weiter finanziert werden. Genauso Kohlebergbauunternehmen, die weiter expandieren.

Dass diese Richtlinie bisher keinen Effekt hat, zeigt das Ergebnis der urgewald-Finanzrecherche zu den Banken hinter der globalen Kohleindustrie. Im Zeitraum vom Oktober 2018 bis Oktober 2020 wurde die Finanzierung für Firmen auf der Global Coal Exit List (GCEL) untersucht. Die Commerzbank ist in diesem Zeitraum die größte deutsche Kreditgeberin mit Krediten in Höhe von 4,2 Mrd. Euro. Damit schafft sie es auf Platz 13 weltweit und ist die einzige deutsche Bank unter den 30 größten Kreditgebern der globalen Kohleindustrie.

Mit 2,1 Mrd. Euro ging das meiste Geld in diesem Zeitraum an das Bergbauunternehmen Anglo American. Laut urgewald-Recherche ist die Commerzbank umgekehrt auch die größte kreditgebende Bank dieses weltweit operierenden Konzerns. In den Minen von Anglo American in Südafrika, Kolumbien und Australien werden jährlich insgesamt fast 38 Millionen Tonnen Kohle abgebaut. An zweiter Stelle der Commerzbank-Kreditnehmer steht das Schweizer Unternehmen Glencore, der größte Kohleproduzent mit Sitz in Europa. In Minen in Australien, Kolumbien und Südafrika baut das Unternehmen jährlich rund 124 Millionen Tonnen Kohle ab. Beide Firmen machen immer wieder wegen sozialer und ökologischer Probleme rund um ihre Minen negative Schlagzeilen.

Kredite und Ausgabe von Aktien und Anleihen (Underwriting) der Commerzbank an die Kohleindustrie im Zeitraum Okt. 2018- Okt. 2020 in Millionen Euro

Tabelle Kohlefinanzierungen Commerzbank

Finanzierung fossiler Mega - Projekte

Werden alle fossilen Brennstoffe bereits erschlossener Kohle-, Öl- und Gasreserven verbrannt, kann das 1,5°C-Ziel nicht mehr erreicht werden.  Deswegen müssen fossile Konzerne nicht nur ihre Aktivitäten zurückfahren, sondern jeglicher Neuaufschluss von Kohle-, Öl-, und Gasquellen beenden. Urgewald und Partnerorganisationen haben 12 riesige fossile Ausbauprojekte auf der ganzen Welt untersucht, die, wenn sie wie geplant voranschreiten, 75 % des verbleibenden globalen Kohlenstoffbudgets verbrauchen. Firmen, die in 9 von 12 fossilen Mega-Projekten involviert sind, werden auch von der Commerzbank finanziert.

Die Beobachtungen werden in der kürzlich erschienen Studie „Banking on Climate Chaos“ bestätigt. Die Finanzierungen der Commerzbank von Kohle-, Öl- und Gasfirmen, die den weiteren Ausbau der Fossilen planen, ist von 2016 bis 2019 kontinuierlich gestiegen und in 2020 etwa gleichgeblieben. In der Rangliste der besten Richtlinien zur Eindämmung von Öl-, Gas- und Kohleexpansion erreicht die Commerzbank lediglich 12 von 82 möglichen Punkten und liegt damit sogar hinter der Deutschen und der DZ Bank.

Hier hat die Commerzbank immensen Nachholbedarf. Der erste Schritt auf dem Weg hin zu einer klimafreundlichen Bank wäre es, sich von fossilen Kunden zu verabschieden, die ihr dreckiges Geschäft expandieren.

KARTE: „Five Years Lost“: Commerzbank hat Unternehmen finanziert, die 9 der 12  untersuchten Projekte maßgeblich vorantreiben.

Weltkarte mit den fossilen Mega-Projekten

Kredite und Ausgabe von Aktien und Anleihen (Underwriting) der Commerzbank an fossilen Expansionsfirmen von Januar 2016 bis August 2020 in Millionen Euro

Tabelle mit den Finanzierungen von Öl- und Gasfirmen

  1. Rüstungsfinanzierungen der Commerzbank: Weiter im todbringenden Geschäft

Die Commerzbank besitzt seit 2008 eine Richtlinie für Rüstungsgeschäfte, nach der sie die Finanzierung und Lieferung von Waffen- und Rüstungsgütern in Konflikt- und Spannungsgebiete ausschließt. Klingt gut, enthält aber gefährliche Schlupflöcher. So gilt dieses Verbot nur für Projektfinanzierungen und direkte Exportgeschäfte. Allgemeine Firmenkredite für Unternehmen, die Rüstungsgüter produzieren und an Konflikt- und Spannungsgebiete liefern, bleiben weiterhin möglich. Und deswegen gehören Europas Top-Rüstungskonzern BAE Systems und Deutschlands Nr. 1 Rheinmetall auch weiterhin zum Kundenkreis der Commerzbank.

Zwischen 2009 und 2017 hat BAE Systems 72 Eurofighter an Saudi-Arabien geliefert, die erwiesenermaßen im Jemenkrieg zum Einsatz kommen und dort für entsetzliches Leid sorgen. BAE Systems liefert nicht einfach nur an Saudi-Arabien, sondern fertigt Waffen mit rund 6300 Mitarbeiter*innen auch vor Ort. Ein ehemaliger Mitarbeiter von BAE Systems wird vom Nachrichtensender Channel 4 zitiert und erläutert, dass „ohne die Unterstützung von BAE Systems in 7 bis 14 Tagen kein Eurofighter der Saudischen Luftwaffe mehr in der Luft wäre“. Zwar durfte Großbritannien zwischenzeitlich aufgrund richterlicher Anordnungen keine neuen Exportgenehmigungen ausstellen und musste sich mit bereits erfolgten Genehmigungen für ebenfalls sehr heikle Instandhaltungstätigkeiten begnügen. Nachdem diese Entscheidung im letzten Sommer wieder aufgehoben worden war, hat das Land die Waffenverkäufe an die Saudis wieder in großem Umfang aufgenommen. Das saudische Militär ist BAE’s drittgrößter Kunde.

Auch das deutsche Pendant Rheinmetall zieht aktuell massive Kritik auf sich. So hat der Konzern gerade ein Joint-Venture in Ungarn aufbaut - ungeachtet der Tatsache, dass die Regierung Orban seit Jahren Demokratie und Rechtsstaatlichkeit demontiert und wohl v.a. deswegen massiv aufrüsten will, um mögliche künftige Migrationsbewegungen abwehren zu können. Und nicht nur das: Rüstungsgeschäfte mit nicht-europäischen Ländern machen aktuell gut 30% des Konzernumsatzes aus. Das Unternehmen stattet Länder wie Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate und Ägypten sogar mit kompletten Munitionsfabriken aus. Mögliche Rüstungsexportbeschränkungen von deutscher Seite versucht Rheinmetall durch die Gründung von Tochterunternehmen oder Joint Ventures (v.a. in Südafrika) in Ländern mit laxen Exportregeln zu umgehen. Auch der jüngst ebenfalls an die Börse gegangene Rüstungskonzern Hensoldt, der wie Rheinmetall über einen Standort in Südafrika die MENA-Region beliefert und mitten im Jemen-Krieg die Geschäftsbeziehungen zu saudischen Partnern ausgebaut hat, gehört zum Kundenkreis der Commerzbank. Getreu dem Motto: keine Grenzen für Rüstungskonzerne, die in die Krisen- und Kriegsgebiete dieser Welt liefern!

Ein Tabu sind bei der Commerzbank ferner Finanzierungen von Geschäften, die einen Bezug zu kontroversen Waffen wie z.B. Atomwaffen haben. Dies schließt nach Angaben der Commerzbank jedoch generell keine Kredite für Mischkonzerne aus, die zu einem geringen Teil auch im Atomwaffengeschäft aktiv sind. Unter diese Commerzbank-Definition fällt auch der Airbus-Konzern, der weiterhin Kunde bei der Commerzbank ist. Gemeinsam mit BAE Systems und Leonardo ist Airbus mit seinen Beteiligungen an der aktuell laufenden Modernisierung der nuklearen Arsenale in Frankreich und Großbritannien beteiligt. Während andere Investoren wie Union Investment sich dazu entschieden haben, aus Herstellern von derartigen Massenvernichtungswaffen wie Airbus zu devestieren, hält die Commerzbank weiter an diesem Kunden fest und verfehlt damit die Chance, sich klar gegen Atomwaffen und unkontrollierbare Aufrüstung zu positionieren.   

Ferner von Nachhaltigkeit könnte die Commerzbank mit diesen Kunden kaum sein. Dringend notwendig sind überarbeitete Richtlinien, die konsequent solche Rüstungsfirmen ausschließen, die Waffen- und Rüstungsgüter in Konflikt- und Spannungsgebiete liefern oder Atomwaffen produzieren.

WANTED in unserer Reihe "Banks against Future" - Die Commerzbank