Kohle: Allianz schreitet voran, Munich Re folgt zögerlich

Kohlekraftwerk Belchatow in Polen
Das Kohlekraftwerk Belchatow des Betreibers PGE in Polen (Foto: Greenpeace Polen)

 

Nach außen hin stellt sich der größte Rückversicherer der Welt, Munich Re (Münchener Rück), gerne auf die Seite des Klimas. Munich Re veröffentlicht regelmäßig Studien zu den Folgen zunehmender Extremwetter, Hochwasser und Dürren. Doch zur Wahrheit gehört auch: Nach wie vor ist der Konzern enger Verbündeter der Kohlekonzerne. Immerhin hat er Anfang August erstmals auf den monatelangen Druck von urgewald und anderer NGOs reagiert und angekündigt Kohle-Investitionen zurückzuschrauben wie auch die Versicherung von Kohleprojekten zum Teil zu beenden. Das „zum Teil“ bereitet uns allerdings große Bauchschmerzen und zeigt, wo wir deutlich mehr erwartet hätten. Mehr dazu unten.

Bis vor Kurzem war auch der Versicherer Allianz ein wichtiger Versicherer der Kohleindustrie. Nach Gesprächen mit urgewald und im Zuge einer internationalen Kampagne hat der Konzern Anfang Mai 2018 zugesagt, keine Kohlekraftwerks- und -minenprojekte mehr zu versichern und auch Investitionen in Kohle weiter einzuschränken. Hier bleiben zwar noch Lücken, dennoch ist die neue Kohle-Richtlinie der Allianz ein wirksamer und weitreichender Schritt für mehr Klimaschutz in der Versicherungsbranche. Kritischer sehen wir die Haltung der Münchener Rück, die hier noch deutlich aufzuholen hat.

Enthüllt: Kohle-Deals in Polen

Anfang 2018 enthüllte eine Studie von urgewald und Partnern, wie stark der Rückversicherer und weitere europäische Versicherungskonzerne die desaströse Kohle-Expansion in Polen mit unterstützen – durch Investitionen und Versicherungen für Kraftwerks- und Minenbetreiber. 

Beispiel PGE: Der polnische Staatskonzern treibt im polnischen Opole derzeit das größte Neubauprojekt eines Kohlekraftwerks innerhalb der EU voran. Die Allianz steht laut der Studie an der Spitze der Versicherergruppe, die den Bau absichert - das wird sich mit den neuen Regeln bei der Allianz nun ändern. Mit zu den Versicherern gehört jedoch auch eine Tochter der Münchener Rück. Ihr Chef Joachim Wenning schrieb Anfang August in einem Gastbeitrag, sein Konzern wolle keine neuen Kohlekraftwerke und -minen mehr in Industrieländern versichern.

Versicherer, die polnische Kohle unterstützen, fördern eine Industrie, die Tausende vorzeitige Todesfälle pro Jahr verursacht. Sie stellen sich auf die falsche Seite im Kampf gegen den Klimawandel.

Lucie Pinson, Unfriend Coal Kampagne

Das polnische Garzweiler – mit deutscher Unterstützung

Beispiel ZE PAK: Der Konzern plant die Eröffnung von drei neuen Braunkohle-Tagebauen mit einem Kohle-Vorrat von insgesamt mehr als 1 Milliarde Tonnen Braunkohle, in etwa so viel wie im deutschen Tagebau Garzweiler lagert. Allianz und Munich Re wissen längst um die besonders schweren Klimaschäden durch die Verbrennung von Braunkohle. Aus den deutschen Abbaugebieten kennen sie auch die massiven Folgen für die Natur sowie die Gesundheit und den Lebensraum der vor Ort lebenden Menschen. Dennoch: Zusammen mit zwei weiteren Versicherern haben Allianz und die Tochter der Münchener Rück im Jahr 2016 die Absicherung der Kraftwerke und Minen von ZE PAK bis 2019 verlängert.

Die deutschen Medien haben breit über die Studie berichtet, zeigte sie doch klar die Klima-Widersprüche bei den deutschen Versicherern. Und in der Tat schienen diese Deals den Verantwortlichen in den Konzernzentralen in München sehr unangenehm zu sein. Das Handelsblatt schrieb nach unserer Studie über die Allianz: „In Unternehmenskreisen heißt es (…), dass man heute nicht mehr glücklich sei über die Verträge mit polnischen Kohlekraftwerksbetreibern. (…) Heute würde man das wohl nicht mehr machen.“

Jede verantwortungsbewusste Regierung sollte ein schnelles Ende der Kohle anstreben. (...) besonders angesichts der rapide sinkenden Kosten sauberer Alternativen.

Leitartikel in der führenden Finanzzeitung „Financial Times“

Tatsächlich hat die Allianz inzwischen Konsequenzen gezogen und ist mit ihrer neuen Kohle-Richtlinie von Mai 2018 aus der Versicherung von Kohleprojekten ausgestiegen. Aus Sicht von urgewald bleiben aber noch Lücken beim Beschluss: Firmen, die im Kohlesektor aktiv sind, kann die Allianz weiter versichern, sie deutet aber immerhin an, dass sie von solchen Firmen, zum Beispiel der deutsche Energieversorger RWE, Schritte für einen langfristigen Rückzug aus der Kohle erwartet.

Zur Reaktion der Munich Re auf die Studie schrieb die taz: „Die Munich-RE-Tochter Ergo ließ verlauten, sie nehme ‚das Thema sehr ernst‘ und stelle ihre Engagements derzeit infrage.“ Und auch hier kam schließlich die Wende: In dem Statement von Konzernchef Wenning sagte er nicht nur zu auf einen Teil der Versicherungen für Kohleprojekte zu verzichten, außerdem werde Munich Re nicht mehr in Aktien und Anleihen von Kohlefirmen investieren, die mehr als 30 Prozent ihres Umsatzes im Kohlebereich machen, bislang galt ein Schwellenwert von 50 Prozent für Aktien. 

Allianz: Vorbild, Nachzügler und wieder Vorbild

Dass wir uns auf wohlmeinende Worte allein nicht verlassen können, zeigen unsere Erfahrungen in der Vergangenheit. In aller Regel gibt es nur mit genügend Druck von außen und dem öffentlichen Anprangern von Skandalgeschäften spürbare Verbesserungen. Das belegen die Kurswechsel der deutschen Versicherer.

Auch Versicherer aus anderen Ländern Europas haben ihre Kohle-Investitionen oder ihr Kohle-Versicherungsgeschäft schon deutlich eingeschränkt oder zumindest Verbesserungen zugesagt. So etwa die Rückversicherer SCOR aus Frankreich, Generali in Italien sowie Swiss Re und Zurich aus der Schweiz. Mitte 2018 legte auch die Hannover Rück, einer der größten Konkurrenten der Munich Re, nach. Die Niedersachsen verkündeten, dass sie nicht mehr in Unternehmen investieren mit einem Kohleanteil von 25 Prozent und mehr. Allerdings: Versichern will Hannover Re die klimaschädliche Branche weiterhin. Aber das muss nicht so bleiben, wie die aktuellen Kampagnenerfolge zeigt.

Die Allianz wurde im Jahr 2015 bereits als Klima-Vorbild gefeiert, da der Konzern als erster großer Versicherer offiziell mit dem Divestment, also dem gezielten Rückzug von Investitionen aus dem Kohle-Sektor begann. Das Problem: Viele große Kohlekonzerne wurden davon bisher nicht getroffen, auch solche nicht, in die Allianz im Auftrag für externe Kunden investiert.

Wir verzichten darauf, Kohleprojekte neu zu versichern. ... Es ist uns bewusst, dass davon Menschen betroffen sind, die noch heute in der Kohleindustrie arbeiten. Das macht diesen Schritt schwerer, aber er ist jetzt unbedingt notwendig und erforderlich, wenn wir den Klimawandel und die Folgen für unseren Planeten und für unsere Kinder endlich eindämmen wollen.

Allianz-Chef Oliver Bäte auf der Hauptversammlung 2018

Munich Re bleibt Klima-Nachzüglerin

Allerdings: Inzwischen hatten viele andere europäische Versicherer nachgelegt beim Klimaschutz. Sie schlossen Kohle deutlich konsequenter bei ihren Geschäften aus - daher musste die Allianz nun reagieren, wollte sie Anschluss an die Konkurrenz bewahren. Mit ihrer neuen Kohle-Richtlinie von Mai 2018 verbesserte sie ihren Klimaschutz im Versicherungsgeschäft deutlich - in manchen Bereichen geht sie nun sogar über das hinaus, was Konkurrenten umgesetzt haben, um Kohle auszugrenzen. Die Allianz verabschiedet sich nun auch von Investitionen in Kohleunternehmen, die größere neue Kraftwerke planen - eine zentrale Forderung von urgewald. Die Munich Re ist diesem Schritt bisher noch nicht gefolgt.

Es bleiben zwar auch bei der Allianz noch Lücken beim Beschluss, aber fest steht: Im Versicherungsgeschäft verzichtet sie nun weitgehend auf die Unterstützung von Kohlekraftwerken und -minen. Ein riesen Fortschritt, da der Konzern hier bewusst auf Geschäft zugunsten des Klimas verzichtet!

Anders sieht es leider bei der Munich Re aus. Sie lässt Ausnahmen zu für die Versicherung von Kohleprojekten in Nicht-Industrieländern zu - wo zahlreiche neue Kohlekraftwerke in Planung sind. Und es ist noch nicht klar, was mit Projekten passiert, die sie derzeit unterstützt und ob sie wie die Allianz eine Verlängerung einer Finanzierung in diesen Fällen ablehnen wird.

Dass Munich Re trotz der eigenen Studien zu den Folgen des Klimawandels so massiv Polens Kohlefetisch bedient, ist schizophren.

Regine Richter, urgewald

Versicherer stehen an einer Schlüsselstelle

Die Versicherungskonzerne stehen dabei an einer Schlüsselstelle. Denn ohne umfangreiche Versicherungspakete und ohne Investitionen könnte kein Kohlekraftwerk gebaut werden. Somit entscheiden Allianz, Munich Re und Co mit über den Klimaschutz für uns alle und für künftige Generationen. Wenn sie Kohle konsequent ausschließen, trifft das die klimaschädliche Industrie direkt. 

Gerade jetzt ist die Chance groß die Konzerne zum Handeln zu bewegen: Das Medienecho auf die Polen-Studie hat die Konzerne aufgeschreckt. Auf den Hauptversammlungen von Munich Re und Allianz im Jahr 2018 hat urgewald zusammen mit Partnern aus Polen das Verhalten der Konzerne kommentiert und Tausende Protestunterschriften übergeben. Nachdem die Allianz und zum Teil auch die Münchener Rück gehandelt haben, wollen wir nun umso stärker bei der Hannover Rück, ebenfalls einer der größten Rückversicherer weltweit, Druck machen für deutlich schärfere Standards. Denn klar ist: Kohle ist kein Geschäft der Zukunft, Kohle ist von gestern!

 

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