Kohle: Allianz schreitet voran, Munich Re bleibt zurück

Kohlekraftwerk Belchatow in Polen
Das Kohlekraftwerk Belchatow des Betreibers PGE in Polen (Foto: Greenpeace Polen)

 

Nach außen hin stellt sich der größte Rückversicherer der Welt, Munich Re (Münchener Rück), gerne auf die Seite des Klimas. Munich Re veröffentlicht regelmäßig Studien zu den Folgen zunehmender Extremwetter, Hochwasser und Dürren. Doch zur Wahrheit gehört auch: Nach wie vor ist der Konzern enger Verbündeter der Kohlekonzerne.

Bis vor Kurzem galt das auch für den Versicherer Allianz. Er hat jedoch nach Gesprächen mit urgewald und im Zuge einer internationalen Kampagne Anfang Mai 2018 zugesagt, keine Kohlekraftwerks- und -minenprojekte mehr zu versichern und auch Investitionen in Kohle weiter einzuschränken. Hier bleiben zwar noch Lücken, dennoch ist die neue Kohle-Richtlinie der Allianz ein wirksamer und weitreichender Schritt für mehr Klimaschutz in der Versicherungsbranche (Link zur vollständigen Einschätzung von urgewald, siehe unten).

Anfang 2018 enthüllte eine Studie von urgewald und Partnern, wie stark Munich Re und der deutsche Versicherungskonzern Allianz die desaströse Kohle-Expansion in Polen mit unterstützen – durch Investitionen und Versicherungen für Kraftwerks- und Minenbetreiber. 

Beispiel PGE: Der polnische Staatskonzern treibt im polnischen Opole derzeit das größte Neubauprojekt eines Kohlekraftwerks innerhalb der EU voran. Die Allianz steht demnach an der Spitze des Versicherer-Konsortiums, das den Bau absichert. Mit dabei ist auch die Munich-RE-Tochter Ergo Hestia. 

Versicherer, die polnische Kohle unterstützen, fördern eine Industrie, die Tausende vorzeitige Todesfälle pro Jahr verursacht. Sie stellen sich auf die falsche Seite im Kampf gegen den Klimawandel.

Lucie Pinson, Unfriend Coal Kampagne

Das polnische Garzweiler – mit deutscher Unterstützung

Beispiel ZE PAK: Der Konzern plant die Eröffnung von drei neuen Braunkohle-Tagebauen mit einem Kohle-Vorrat von insgesamt mehr als 1 Milliarde Tonnen Braunkohle, in etwa so viel wie im deutschen Tagebau Garzweiler lagert. Allianz und Munich Re wissen um die besonders schweren Klimaschäden durch die Verbrennung von Braunkohle. Aus den deutschen Abbaugebieten kennen sie auch die massiven Folgen für die Natur sowie die Gesundheit und den Lebensraum der vor Ort lebenden Menschen. Dennoch: Zusammen mit zwei weiteren Versicherern haben Allianz und die Munich-RE-Tochter im Jahr 2016 die Absicherung der Kraftwerke und Minen von ZE PAK bis 2019 verlängert.

Die deutschen Medien haben breit über die Studie berichtet, zeigte sie doch klar die Klima-Widersprüche bei den deutschen Versicherern. Und in der Tat schienen diese Deals den Verantwortlichen in den Konzernzentralen in München sehr unangenehm zu sein. Das Handelsblatt schrieb nach unserer Studie über die Allianz: „In Unternehmenskreisen heißt es (…), dass man heute nicht mehr glücklich sei über die Verträge mit polnischen Kohlekraftwerksbetreibern. (…) Heute würde man das wohl nicht mehr machen.“

Jede verantwortungsbewusste Regierung sollte ein schnelles Ende der Kohle anstreben. (...) besonders angesichts der rapide sinkenden Kosten sauberer Alternativen.

Leitartikel in der führenden Finanzzeitung „Financial Times“

Tatsächlich hat die Allianz inzwischen Konsequenzen gezogen und ist mit ihrer neuen Kohle-Richtlinie von Mai 2018 aus der Versicherung von Kohleprojekten ausgestiegen - Firmen, die im Kohlesektor aktiv sind, können weiter versichert werden, immerhin deutet die Allianz aber an, dass sie von solchen Firmen, darunter RWE, Schritte erwartet, mit denen sie sich langfristig aus dem Kohlegeschäft verabschieden.

Zur Reaktion der Munich Re schrieb die taz: „Die Munich-RE-Tochter Ergo ließ verlauten, sie nehme ‚das Thema sehr ernst‘ und stelle ihre Engagements derzeit infrage.“ Konkreteres sagte der Mutterkonzern Munich Re aber bisher nicht - auch nicht auf konkrete Nachfragen von urgewald und eines polnischen Partners auf der Hauptversammlung 2018.

Allianz: Vorbild, Nachzügler und wieder Vorbild

Dass wir uns auf wohlmeinende Worte allein nicht verlassen können, zeigten unsere Erfahrungen in der Vergangenheit. In aller Regel gibt es nur mit genügend Druck von außen und der Veröffentlichung von Skandalgeschäften spürbare Verbesserungen. Das zeigt auch der Kurswechsel der Allianz.

Was uns außerdem motivieren kann: Auch zahlreiche Versicherer aus anderen Ländern Europas haben ihre Kohle-Investitionen oder ihr Kohle-Versicherungsgeschäft schon deutlich eingeschränkt oder Verbesserungen zugesagt. So etwa die Rückversicherer SCOR aus Frankreich, Generali in Italien sowie Swiss Re und Zurich aus der Schweiz. Nach dem Einlenken der Allianz bleibt aus deutscher Sicht nun vor allem Munich Re als Zögerer beim Klimaschutz übrig.

Die Allianz wurde im Jahr 2015 bereits als Klima-Vorbild gefeiert, da sie als erster großer Versicherer offiziell mit dem Divestment, also dem gezielten Abstoßen von Investitionen im Kohle-Sektor, begann. Auch die Munich Re schließt Kohle-Investitionen zum Teil aus. Doch viele große Kohlekonzerne werden davon nicht getroffen, auch die Investitionen nicht, die die Allianz für externe Kunden verwaltet.

Wir verzichten darauf, Kohleprojekte neu zu versichern. ... Es ist uns bewusst, dass davon Menschen betroffen sind, die noch heute in der Kohleindustrie arbeiten. Das macht diesen Schritt schwerer, aber er ist jetzt unbedingt notwendig und erforderlich, wenn wir den Klimawandel und die Folgen für unseren Planeten und für unsere Kinder endlich eindämmen wollen.

Allianz-Chef Oliver Bäte auf der Hauptversammlung 2018

Munich Re bleibt Klima-Hinterbänklerin 

Allerdings: Nachdem bereits zahlreiche andere europäische Wettbewerber deutlich weitergehende Kohle-Ausschlüsse beschlossen hatten, legte im Mai 2018 auch die Allianz mit einer neuen Kohle-Richtlinie nach und hält damit Anschluss an die Konkurrenz beim Klimaschutz im Versicherungsgeschäft - in manchen Bereichen geht sie sogar über das hinaus, was Konkurrenten umgesetzt haben. Bei ihren Investitionen verabschiedet sie sich nun auch von solchen in Kohleunternehmen, die größere neue Kohlekraftwerke planen.

Es bleiben zwar noch Lücken beim Beschluss der Allianz, aber fest steht: Im Versicherungsgeschäft verzichtet sie nun auf die Unterstützung von Kohlekraftwerken und -minen. Ein riesen Fortschritt, da der Konzern hier bewusst auf Geschäft zugunsten des Klimas verzichtet!

Ganz anders sieht es leider bisher bei der Munich Re aus. Sie bleibt weiter auf dem Rang einer Hinterbänklerin beim Klimaschutz. Dabei zeigen ihre europäischen Konkurrenten SCOR und Swiss Re klar, dass stärkere Einschnitte im Kohlegeschäft möglich sind.

Dass Munich Re trotz der eigenen Studien zu den Folgen des Klimawandels so massiv Polens Kohlefetisch bedient, ist schizophren.

Regine Richter, urgewald

Versicherer stehen an einer Schlüsselstelle

Die Versicherungskonzerne stehen dabei an einer Schlüsselstelle. Denn ohne umfangreiche Versicherungspakete und ohne Investitionen könnte kein Kohlekraftwerk gebaut werden. Somit entscheiden Allianz, Munich Re und Co mit über den Klimaschutz für uns alle und für künftige Generationen. Wenn sie Kohle konsequent aus ihrem Portfolio ausschließen, trifft das die Kohlekonzerne als einen der größten Klimakiller direkt. 

Gerade jetzt die Chance groß, die Konzerne zum Handeln zu bewegen: Das Medienecho auf die Polen-Studie hat die Konzerne aufgeschreckt. Auf den Hauptversammlungen von Munich Re und Allianz im Jahr 2018 hat urgewald zusammen mit Partnern aus Polen das Verhalten der Konzerne kommentiert und Tausende Protestunterschriften übergeben. Nachdem die Allianz gehandelt hat, wollen wir nun umso stärker bei der Münchener Rück Druck machen und deutlich machen: Kohle ist von gestern!

 

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