Rede bei RWE Hauptversammlung: Dr. Kastchiev

22. April 2009

Sehr geehrte Damen und Herren,

mein Name ist Gueorgui Kastchiev, ich bin Nuklearphysiker und komme aus Bulgarien. Ich habe 35 Jahre Erfahrung im Atomsektor als Betreiber, Forscher, Lehrender und in der Aufsichtsbehörde. Ich habe über 15 Jahre als Manager im bulgarischen Atomkraftwerk Kosloduj gearbeitet und war von 1997 bis 2001 Leiter der bulgarischen Atomaufsicht. Momentan arbeite ich als Professor für atomare Sicherheit an der Universität Wien.

Ich denke, dass es für Sie als Aktionäre von RWE wichtig ist, aus erster Hand von den Risiken des Belene Projekts zu hören. In diesem Projekt ist RWE Minderheitsanteilseigner, die Mehrheit hat die staatliche bulgarische Nationale Elektrizitäts-Gesellschaft NEK.

Ich bin der festen Überzeugung, dass Belene ein Hochrisikoprojekt ist und werde Ihnen die Gründe dafür erläutern.

Vielleicht wissen Sie, dass der Bau des Atomkraftwerks Belene in den 80er Jahren begonnen wurde, als mein Land noch Teil des „Ostblocks“ war. Nach Ende des kommunistischen Regimes kam jedoch eine detaillierte wissenschaftliche Studie zu dem Schluss, dass die Projektrisiken nicht tolerierbar waren und Belene wurde eingestellt. In Deutschland gab es eine ähnliche Situation Anfang der 90er Jahre als der Bau und Betrieb von russischen Reaktoren von den deutschen Atombehörden eingestellt wurde. Die gegenwärtige bulgarische Regierung unter Führung der Post-Kommunisten hat jedoch 2006 die russische Firma Atomstroyexport beauftragt, zwei neue WWER Reaktoren zu bauen. Es war jedem klar, dass Belene vor allem ein politisches Projekt ist und dementsprechend hat NEK in der Ausschreibung nur russische Reaktortypen zugelassen.

Zum Erdbebenrisiko: beim Erdbeben von 1977 sind wenige Kilometer vom Belene-Standort zahlreiche Gebäude zerstört worden und mehr als 120 Menschen umgekommen. Wegen der Erdbebenrisiken hatten schon 1983 sowjetische Wissenschaftler von diesem Standort abgeraten. Aktuelle Erdbebenkarten zeigen, dass es hier ein mittleres bis hohes Erdbebenrisiko gibt. NEK jedoch ignoriert diese Daten beharrlich und behauptet sogar, dass Belene die seismisch sicherste Region im Land sei. Dementsprechend haben weder RWE noch sein bulgarischer Partner bisher Alternativstandorte geprüft oder ernsthafte seismische Studien durchgeführt. Das ist im hohen Maße unverantwortlich und ich bin mir sicher, dass RWE nicht so agieren dürfte, wenn dieses Projekt in Deutschland geplant würde.

Der Vorstand von RWE glaubt, dass die Erdbebengefahr durch das technische Design von Belene zu lösen sei. Aus Sicht eines Regulators sind jedoch dafür moderne Bauvorschriften, Erfahrung mit großen Infrastrukturprojekten, qualifizierte Arbeiter, ein zuverlässiges Qualitätssicherungssystem und starke staatliche Aufsicht notwendige Voraussetzungen.

All diese Bedingungen fehlen in Bulgarien. Stattdessen sind wir mit einer immer stärker werdenden Korruption konfrontiert. Das vorhersehbare Resultat wird eine qualitativ schlechte Bauausführung sein, was im Fall eines Erdbebens der Ausgangspunkt für schwere Unfälle sein kann.

Das Erdbeben in Italien hat uns gerade erst die Gefahren vor Augen geführt, die solche Ereignisse mit sich bringen, besonders in Ländern mit schwacher Bauaufsicht. Nicht nur das Kraftwerksgebäude kann von einem Erdbeben betroffen sein. Man muss mit einem Bruch der Überlandleitungen, Unterbrechungen der Strom und Kommunikationsverbindungen, Bränden und anderen Faktoren rechnen, die einen Betriebsunfall auslösen können. Hinzu kommt immer das menschliche Risiko, dass im Chaos eines Erdbebens Fehler des Bedienungspersonals zu einem schweren Unfall führen.

Schwache Sicherheitskultur: Der RWE Vorstand glaubt, dass die Sicherheitskultur in Bulgarien hoch sei. Die Tatsachen zeigen jedoch ein völlig anderes Bild, ich werde Ihnen zwei Beispiele geben:

Einer der gefährlichsten Unfälle seit Tschernobyl fand am 1. März 2006 im Block 5 des bulgarischen Atomkraftwerks Kozloduj statt. An diesem Tag klemmten mehr als ein Drittel der Steuerungsstäbe in ihrer Halterung, so dass die Notabschaltung des Reaktors fehlschlug. Einen 1000 MW-Reaktor ohne Notabschaltung zu betreiben, ist wie einen Zug mit 200 Stundenkilometern ohne Bremsen zu fahren. Die Behörden versuchten, diesen Unfall für 50 Tage geheim zu halten und als ich mich an die Medien wandte, sagten sie „Nichts passiert.“ „Keine Sicherheitsauswirkungen.“ Erst nach starkem internationalem Druck wurde der Vorfall öffentlich eingestanden. Dabei wurde klar, dass die oberste Priorität auf die Stromproduktion und nicht auf die Sicherheit gelegt wird, und dass die Aufsichtsbehörde zu wenig Kompetenz und Unabhängigkeit hat, um ihre Aufgabe zu erfüllen.

Der Glaube des RWE Vorstands, dass sich die Situation seitdem verbessert hat, ist sehr naiv. Ich zitiere für Sie unseren Energieminister Dimitrov, der im September 2008 erklärt hat: „Bis Ende 2008 muss das Fundament für Block 2 und bis Ende März 2009 das Fundament für Block 1 vorbereitet sein.“ Er versicherte, dass es kein Problem sei, dies auch ohne Baugenehmigung der Atomaufsicht zu tun. Hinzu kommt, dass NEK schon 2008 die Fertigung wesentlicher Ausrüstungsteile für Belene in Auftrag gegeben hat, obwohl das Kraftwerksdesign noch nicht von der Aufsicht zugelassen worden ist. Hier zeigt sich deutlich, dass die Regierung sich weder an Sicherheitsauflagen noch an das bulgarische Atomgesetz gebunden fühlt.

Sicherheitsbedenken: Der RWE Vorstand glaubt, dass das Design von Belene exzellent sei. RWE hat jedoch keine Erfahrung mit WWER Reaktoren. Hinzu kommt, dass das geplante Design, der so genannte AES 92, keine erprobte Technologie ist. Es gibt weltweit weder Betriebserfahrungen noch unabhängige Sicherheitsabschätzungen für diesen Reaktortyp. Er wurde bisher von keinem EU-Staat zugelassen. Fakt ist auch, dass es eine ganze Reihe von Problemen gibt, mit der Qualität des Designs und der Ausrüstung, die die russische Nuklearindustrie liefert. In Kozloduj wurde zum Beispiel eine falsche Sicherheitsausrüstung geliefert und für das chinesische Tianwan Atomkraftwerk wurden Dampfgeneratoren mit kaputten Röhren produziert, was zu großen Verzögerungen bei der Inbetriebnahme des Kraftwerks führte.

Ende 2008 hat RWE angekündigt, dass ein Team von RWE das technische Konzept des Kraftwerks in den nächsten 12-18 Monaten überprüfen würde. Ich bezweifele jedoch, dass dies die Sicherheit wirklich erhöhen kann, denn der Großteil der Ausrüstung wurde schon bestellt.

Große Korruption: Inzwischen weiß alle Welt, dass Bulgarien das korrupteste Land innerhalb der EU ist. Berichte unabhängiger Experten sagen, dass es im Energiesektor viele Anzeichen für zunehmende Korruption gibt. Belene gilt als eine der Hauptursachen dieser Entwicklung. Hohe Korruption bedeutet natürlich Kostensteigerungen, Bauverzögerung und schlechte Bauqualität. Der Glaube Ihres Vorstands, dass Bulgariens größtes Infrastrukturprojekt irgendwie in eine korruptionsfreie Insel verwandelt werden kann, ist sehr naiv und gefährlich. RWE ist Minderheitseigner und wird nur wenige Leute vor Ort haben, die mit Problemen wie Sprachbarrieren und der fehlenden Kenntnis der spezifischen bulgarischen Bedingungen kämpfen müssen. Ich würde sagen, es ist unmöglich, es sei denn Sie können auf die Hilfe des berühmten Harry Potter zählen.

Umweltbedenken: Es tut mir leid, aber es gibt keine Pläne für Zwischen- und Endlagerung des radioaktiven Mülls aus dem AKW Belene. Stattdessen verlässt man sich auf den guten Willen Russlands oder auf ein potenzielles internationales Endlager. Wie viel Geld für den Rückbau von Belene benötigt wird und wo dieses Geld herkommen soll, ist ebenfalls unklar. Dies steht im völligen Widerspruch zu den Prinzipien nachhaltiger Entwicklung und ich bin mir sicher, dass ein Projekt wie Belene in Deutschland niemals eine Lizenz erhalten würde.

Wirtschaftliche und finanzielle Risiken: Studien unabhängiger Forscher zeigen, dass bis 2025 der Energiebedarf Bulgariens ohne Belene gesichert ist und immer noch ein Überschuss für den Export bleibt. Dementsprechend ist die Mehrheit der unabhängigen  Wirtschaftswissenschaftler in Bulgarien der Meinung, dass das Projekt wirtschaftlich nicht tragfähig ist und ein hohes Risiko darstellt. Die Entscheidung für Belene hat sich bereits negativ auf das Rating von Bulgarien wie auch von NEK ausgewirkt. Keine Bank möchte Belene finanzieren und außer RWE will kein privater Energieversorger in diesem Projekt sein Geld aufs Spiel setzen. Auch ihr Wunschpartner Elektrabel hat Belene inzwischen den Rücken gekehrt.

Zum Abschluss, möchte ich an Sie als Aktionäre von RWE appellieren, in Ihrem eigenen Interesse dafür zu sorgen, dass RWE diese Investition nicht weiter verfolgt.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 

Dr. Kastchiev vor der RWE Hauptversammlung. Der Nuklearphysiker und Professor für atomare Sicherheit ist gekommen, um RWE vor dem Risiko des Belene-Projektes zu warnen.