Rede bei RWE Hauptversammlung: Albena Simeonova 2009

22. April 2009

Sehr geehrte Damen und Herren,
mein Name ist Albena Simeonova. Ich bin Landwirtin aus der Belene Region in Bulgarien. Wenn Bulgaren an Belene denken, dann denken sie an zwei Dinge: ein wunderschönes unter Naturschutz stehendes Feuchtgebiet und eine berühmte Weinbauregion. Diese Gegend hat Gott für Landwirtschaft und Naturtourismus geschaffen.

Als 2002 der ehemalige König von Bulgarien kurz nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten ankündigte das Atomkraftwerksprojekt Belene wieder aufnehmen zu wollen waren viele Menschen geschockt. Der Bau des Atomkraftwerks Belene war ein Projekt des alten kommunistischen Regimes aus den frühen 80ern. In den 90ern wurde dieser Plan aus ökonomischen und ökologischen Gründen fallen gelassen. Eins der Schlüsselargumente für diese Entscheidung war die Tatsache, dass Belene in einem seismisch aktiven Gebiet, einem Erdbebengebiet liegt.

Es gibt drei wichtige Dokumente, die sich mit den Erdbebenrisiken des Atomkraftprojekts Belene befassen. Zwei datieren aus der Planungsphase des Atomkraftwerks und kommen zu dem Schluss, dass der Standort ungeeignet ist. 1991 gab die Bulgarische Akademie der Wissenschaften eine ausführliche Studie zum Projekt heraus, das sogenannte „Weißbuch“. Wegen des hohen Erdbebenrisikos kamen die Autoren zu dem Schluss, dass im Falle eines schweren Erdbebens keine Sicherheitsspielräume mehr gegeben seien.

Völlig überraschend berichtet 2004 die technische Zusammenfassung der offiziellen Umweltverträglichkeitsprüfung für das Projekt Belene, dass es kein Erdbebenrisiko gebe! Diese Aussage ist völlig unverständlich, immerhin gab es 1977 ein Erdbeben in dem Gebiet! In Svistov, der ca. 10 Kilometer entfernten nächst größeren Stadt, starben damals mehr als 120 Menschen durch das Erdbeben. In der Stadt Belene (3 km vom AKW entfernt), in Nikopol (20 km entfernt) und in den rumänischen Städten Zimnicea und Turnu Magurele wurden etliche Häuser zerstört.

Dies zeigt, dass die Umweltverträglichkeitsprüfung für Belene Augenwischerei ist. Sie wurde ohne Vor-Ort-Untersuchungen erstellt. Alle vorherigen Erkenntnisse und Erfahrungen über das Erdbebenrisiko wurden ignoriert. Dies beweist, dass der Planungsprozess manipuliert wurde um Grünes Licht für das Projekt zu bekommen. Die gewählten Reaktortypen – zwei je 1000 MW Blöcke des russischen VVER 1000/466B Reaktors – sind ein komplett neues Design. Dieser Reaktortyp wurde noch nie irgendwo sonst auf der Welt getestet.

Ein höchst alarmierender Aspekt des Projekts ist das Thema Atommüll und seine Lagerung. Die lokale Bevölkerung, deren Haupteinkommensquelle die Landwirtschaft ist, widersetzen sich den Plänen der Regierung den Atommüll in der Gegend zu lagern. Die Menschen haben die Sorge, dass der Atommüll unsere Region vergiften wird, besonders im fall von Überschwemmungen oder Erdbeben.

Ich bin gebeten worden, ihnen diese Sorgen der Menschen aus der Region Belene zu übermitteln. Ich soll Sie als Aktionäre fragen: Stimmen Sie zu, dass Ihr Geld dazu benutzt wird, ein Atomkraftwerk in einer Erdbebenzone zu bauen? Wollen Sie, dass Ihr Geld in russische Atomreaktoren investiert wird, deren Sicherheit noch nirgendwo getestet wurde? Und wollen Sie, dass mit Ihrem Geld eine der schönsten Landschaften Bulgariens zerstört wird? Wollen Sie, dass dies Gebiet verwandelt wird in ein Atommülllager, einen Platz, wo die Menschen jeden Tag mit der Angst vor einem zweiten Tschernobyl leben?

Ich möchte schließen mit einem Zitat aus einem Brief, den der Direktors des Zentrallabors für Geodäsie der Bulgarischen Akademie der Wissenschaften 1984 geschrieben hat: „Mehr als 400 Atomkraftwerke sind weltweit gebaut worden. Weitere 300 sind im Bau. Aber keines ist in solch einem seismologisch komplizierten Gebiet gelegen wie Belene.“

Vielen Dank!